Porträt einer gemeinnützigen Saatgutbank in Kroatien

Ein Artikel von Naomi Bosch

Fährt man durch das kleine Dorf Vukomeric südlich von Zagreb, Kroatien, gelangt man irgendwann zum einladenden Anwesen des Vereins „Reciklirano imanje“ (Recyceltes Gut). Tatsächlich besteht fast alles an diesem Ort aus recycelten Materialien: ein traditionelles Holzhaus, das woanders abgebaut und dort wieder aufgebaut wurde, Häuser aus lokalem Lehm und Stroh, terrassierte Gärten mit alten Autoreifen. Doch von außen betrachtet ahnt man nicht, was für ein Reichtum sich im Untergeschoss eines der Gebäude verbirgt. Seit sieben Jahren sammelt der von Frauen gegründete Verein hier Schätze – in Form von Saatgut.  Das Engagement der Kroatinnen zum Erhalt heimischer Sorten besteht jedoch bereits seit zwei Jahrzehnten.

Seit gut einem Jahr wacht nun Dunja Zbiljski über die rund 700 Sorten Gemüse, Getreide und Blumen. Die gelernte Forstingenieurin befasst sich seit vielen Jahren mit Permakultur, regenerativem Gärtnern und dem Schutz der Biodiversität. Hier in der Saatgutbank ist sie ganz nah am Ursprung der Sortenvielfalt: den unscheinbaren Samen, die Jahr für Jahr ihr Genmaterial weitergeben. Die Genbank liegt kühl und geschützt. In mehreren Regalen stehen Gläser mit dem kostbaren Saatgut, jedes Glas ist mit dem Namen der Sorte und dem Jahr der letzten Vermehrung beschriftet. Hauptziel der Saatgutbank ist die Bewahrung bzw. Konservierung der Vielfalt durch aktives Anbauen und Vermehren der Sorten. „Wir bauen die Sorten einerseits selbst im Garten des Vereins an. Andererseits haben wir ein breites Netzwerk an Mitgliedern, die jeweils in ihren eigenen Gärten die Sorten Jahr für Jahr anbauen. So kommt immer wieder frisches Saatgut in die Genbank.“ Daher kommt auch der Name „Gemeinschaftliche Saatgutbank“ – er steht für das Konzept, welches das aktive Mitwirken von Gärtnern und Saatgutenthusiasten vorsieht. Mitglieder der Genbank dürfen das Saatgut kostenlos nutzen. „Die meisten unserer Mitglieder sind Hobby-Gärtner, aber wir ermutigen auch Landwirte , das Saatgut aus unserer Genbank zu vermehren und auf ihren Feldern anzubauen“, so Dunja. Daher bietet der Verein auch Workshops und Netzwerktreffen auf dem „Recycelten Gut“ an. Denn nur durch aktiven Anbau – auch in situ Erhaltung genannt - können sich die Sorten an die lokalen Bedingungen und an klimatische Veränderungen anpassen.

Stacheliger Spinat und trockenheitsresistente Erbse

Während Dunja durch die Reihen der Saatgutbank streift, erklärt sie das System, nach dem die Sorten angeordnet sind: „Wir haben das Saatgut grundsätzlich in zwei Kategorien eingeteilt. Unter der Alfa-Kategorie findet man das Saatgut, das wir mit Sicherheit identifiziert und das wir oder unsere Mitglieder selbst vermehrt haben. Die Beta-Kategorie klassifiziert Saatgut, das wir zum Beispiel bei einem Saatguttausch von Nicht-Mitgliedern erhalten haben. Erst wenn wir es selbst geprüft und angebaut haben, kommt auch dieses Saatgut in die Alfa-Kategorie.“ 

Jedes in die Genbank neu eingebrachte Saatgut muss von der Person, die es mitbringt, selbst angebaut und vermehrt sein. Und Alfa-Saatgut muss immer biologisch angebaut sein. In den jeweiligen Kategorien ist das Saatgut alphabetisch geordnet - von A wie Amaranth bis Z wie Zucchini. Zusätzlich ist jeder Eintrag in einer digitalen Datenbank hinterlegt. In der Saatgutbank befinden sich vorrangig traditionelle Sorten oder Landrassen, darunter klassische Gemüsesorten wie Tomate und Salat, aber auch seltenere Besonderheiten. „Besonders stolz bin ich auf eine lokale Sorte Spinat, die wir in die Genbank aufgenommen haben. Die Samen sehen stachelig aus, der Spinat ähnelt ansonsten dem Matador-Spinat“, erklärt Dunja und präsentiert die stacheligen Samen in ihrer Hand. Kurz darauf holt sie noch ein besonders Fundstück aus ihrer Schatzkammer: Die Saat-Platterbse (Lathyrus sativus), eine fast in Vergessenheit geratene Sorte, die früher viele Bauernfamilien durch Hungersnöte gebracht hat und außerdem hervorragend mit Trockenheit zurechtkommt.

Saatgut aus der Bücherei

Als Leiterin der Saatgutbank hat Dunja alle Hände voll zu tun: mit Sortieren, Verwalten, Erklären und Gärtnern. Denn sie ist nicht nur für Pflege des Gartens und der Genbank zuständig, sondern leistet gleichermaßen Bildungsarbeit. Sie erklärt Schülerinnen und Schülern, die das Anwesen besuchen, warum Saatgutvielfalt so wichtig ist. Und leitet Workshops darüber, wie man eigenes Saatgut aufbereitet. Denn das Projekt soll auch das Bewusstsein für den Erhalt biologischer Vielfalt in der Gesellschaft steigern. Eine spannende neue Möglichkeit bietet hierfür das Konzept der „Saatgut-Bücherei“. Immer mehr Büchereien in Kroatien haben in ihr Angebot neben Büchern auch Saatgutpäckchen mitaufgenommen. Jedes Päckchen ist mit einem Barcode versehen und in einer digitalen Datenbank hinterlegt. Genau wie die Bücher kann das Saatgut „ausgeliehen“ werden – allerdings nicht nur zum anschauen, sondern zum aussäen. Sobald die Pflanzen ausgereift sind, soll ihr Saatgut wieder in die Bücherei zurückkehren, um von anderen Menschen genutzt zu werden. Büchereimitglieder dürfen außerdem an monatlichen Gärtnertreffen teilnehmen, bei denen sie etwa unter Dunjas Anweisung Saatgut aufbereiten und in entspannter Atmosphäre über Gartenthemen plaudern können. „Die Saatgut-Bücherei kommt richtig gut an, und es ist eine tolle Möglichkeit, Menschen beizubringen, wie sie ihr eigenes Saatgut gewinnen können“, freut sich Dunja. Damit hofft sie auch, die Unabhängigkeit von Saatgutkonzernen zu stärken. Und letztendlich steige somit die genetische Vielfalt in den Gärten – Beet für Beet. 

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Die Gesellschaftliche Saatgutbank in Vukomerić ist gut vernetzt mit anderen Genbanken – in Kroatien und darüber hinaus. Dunja freut sich, dass zum Beispiel immer mehr Büchereien das Leihkonzept von Saatgut übernehmen. „Die Software dafür haben die kroatischen Büchereien von einer Bücherei in Slowenien übernommen, und wir haben ihnen Saatgut gespendet – das war eine sehr schöne Zusammenarbeit“, so Dunja. Auch mit dem österreichischem Verein Arche Noah besteht ein reger Austausch. Arche Noah habe während der Balkankriege einige Sorten von diesen Gebieten aufbewahrt. Nun sei dieses gerettete Kulturgut auch wieder in nationalen Genbanken zu finden. Besonders schätzt Dunja den politischen Aktivismus des österreichischen Vereins, der angesichts der restriktiven EU-Saatgut-Politik wichtiger denn je scheint.

Ein Highlight ist für den Verein immer wieder der große Saatguttausch im botanischen Garten in Zagreb. Dort kommen jedes Jahr hunderte Gartenenthusiasten zusammen, um ihre Saatgutvorräte aufzufrischen, aber auch um ihre eigenen Schätze weiterzugeben. Hier gilt die Regel: man darf genauso viele Saatguttütchen, wie man mitbringt, später mit nach Hause nehmen. So vergrößert sich nach und nach die Saatgutvielfalt, und so manche besondere Sorte findet ihren Weg in die Saatgutbank. Und von dort aus kommt sie irgendwann wieder in die Gärten anderer Menschen.


Datum der Veröffentlichung: 8. März 2026
Text: Naomi Bosch
Fotos: Matej Marjanović